Donnerstag, 25. Mai 2017

Zitronenfalter

... es ist nun über zwei Monate her.
Wahnsinn. Wo bleibt die Zeit? 
Die letzten zwei Monate waren kräftezehrend, zwischendurch sehr traurig und leer.
Sie fehlt. Sie fehlt mir und allen Anderen auch.
Es gibt Tage, an denen ich es noch immer nicht begreife/n (möchte). 
Wie kann es sein, dass sie nicht mehr da ist?
Es wird sicher noch seine Zeit brauchen, bis ich verstehe, was der Tod bedeutet. 


Ich möchte Euch von Anna's letzten Tag erzählen. 
Denn dieser Tag - der 22. März 2017 - hilft mir sehr, durch diese schwere Zeit zu kommen. 

An den letzten Lebenstagen von Anna haben wir uns alle immer abgesprochen, wer, wann bei Anna im Krankenhaus ist, damit sie nie alleine ist. 
Am 22. März - es war ein schöner sonniger und warmer Frühlingstag - war es anders.
Wir  - ihre komplette Familie, ihr Mann und ihre beste Freundin, waren morgens unabgesprochen alle da.  Es war für uns alle irgendwie selbstverständlich bei ihr zu sein. 
Ich war bei Anna im Zimmer - sie schlief friedlich, sie hatte keine Schmerzen. 
Ich hatte ihre Kerze, die sie zu Hause immer an hatte, für sie mitgebracht.
Ich habe sie für Anna angezündet und sie auf den Tisch gestellt.
Danach ging ich zu ihr, sagte ihr, dass ich sie lieb habe und ließ sie mit ihrer Tante wieder alleine.
Es war das letzte Mal, das ich sie lebend sah.
Wir waren anschließend alle zusammen in der Cafeteria im Krankenhaus. Wir erzählten uns Geschichten über Anna, weinten zusammen, lachten zusammen.
Wir alle, die da saßen, waren so so verletzlich und hilflos. Wir wussten alle was passieren wird. 
Es war unausweichlich. Meine liebe Freundin Julia, fand damals den richtigen Ausdruck:
Wir sind alle in einer Warteschleife. Wir konnten nur Warten. Es war schrecklich.
Anna's Schwester, ihre beste Freundin und ich gingen später in einem kleinen Waldgelände, neben dem Krankenhaus spazieren. Wir drehten unsere Runden dort. Wir sprachen ehrliche Worte, wir lachten, als wir uns lustige Erinnerungen von Anna erzählten, wir waren zusammen traurig und hielten uns in den Armen, wir gingen durch den Wald, ohne ein Wort zu sprechen.
Und dann kam dieser Moment, der mir heute immer wieder Kraft schenkt:
Während wir schweigend und in Gedanken bei Anna waren, sahen wir alle drei plötzlich einen wunderschönen Zitronenfalter. Wir waren die Tage zuvor oft in diesem Wald - aber es war das erste Mal das wir einen Schmetterling sahen.
Der Zitronenfalter wurde richtig von den Sonnenstrahlen, die sich ihrem Weg durch die Äste bahnten, angeleuchtet. Er passte irgendwie gar nicht so richtig ins Bild: farblich gesehen, war der Wald noch ziemlich trist. Wenn man richtig geschaut hat, konnte man die ersten kleinen grünen Blätter an den Bäumen erkennen, doch die Spuren vom Winter waren noch ganz klar zu sehen im Wald.
Umso schöner sah er aus, der Zitronenfalter. 
Wir drei blieben abrupt stehen. Schauten ihm gebannt zu und wir alle drei, dachten das gleiche:
Das ist Anna!
Ich schaute ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte und als er weg war, wünschte ich mir so sehr, ihn noch einmal zu sehen. Und fünf Minuten später zeigte er sich nochmal und zu unserer Überraschung, hatte er einen Freund mitgebracht. Als hätte Anna uns sagen wollen "Schaut, ich bin nicht alleine."
Die zwei Zitronenfalter tanzten durch den Wald und sahen wunderschön aus.
Es war wirklich ein magischer Moment im Wald. Ganz selig und innerlich ruhig gingen wir wieder zurück auf die Palliativstation zu Anna.
Ich ging den Flur entlang, den ich schon so viele Male gegangen war. Ich blieb an dem großen Bild, das an der Wand gemalt war, stehen. Ich schaute es mir an. Mal wieder. 
Oft stand ich davor, auch zusammen mit Anna. Zusehen war ein Wald, in der Mitte war ein Fluss, drumherum standen Bäume und die Sonne schien in den Wald. 
Das Bild vermittelte "Frieden" für mich.
Und dann sah ich etwas, das ich zuvor nie wahrgenommen hatte:

In der Mitte des Bildes war ein Zitronenfalter gemalt.

Ich habe mir das Bild so oft angeschaut und ihn nie vorher gesehen.
Und plötzlich konnte ich ihn sehen. Das berührte mich so sehr in diesem Augenblick, dass ich dafür gar keine Worte finde, um es zu beschreiben.
Als wir später die Palliativstation verließen, schaute ich mir im vorbeigehen das letzte Gedicht in einem Bilderrahmen, vor dem Ausgang an der Wand an.
Ich las nur die fett geschriebene Überschrift :
Gib mir ein Zeichen.
Nun waren definitiv alle Zweifel weg.
Anna gab mir ein Zeichen. Auch wenn ich zuerst ein wenig ängstlich darüber war, überwog die Dankbarkeit für dieses Zeichen von Anna.
Bis heute.
Jedes Mal wenn ich einen Zitronenfalter sehe, macht mein Herz einen Sprung vor Freude.
Anna ist da. 
Ich war in den letzten zwei Monaten bewusst, ganz viel und oft in der Natur gewesen.
Bin durch Wälder spazieren gegangen und habe viele Fahrradtouren gemacht. 
Zum Einen habe ich das Bedürfnis, die Schönheit der Natur ganz bewusst wahrzunehmen - für Anna mit, da sie es nicht mehr kann und sie die Natur so liebte und zum Anderen bin ich immer auf der Suche nach Zitronenfalter. Und ich habe sie oft gesehen...
In den Momenten ist alles gut. Ich vermisse Anna dann nicht, denn sie ist ja bei mir.
Diese Momente geben mir Kraft und Zuversicht für die nächsten Tage.
Es gibt manchmal auch Situationen, in denen ich einen Zitronenfalter sehe und es schon ein bisschen merkwürdig ist...

Den Freitag nach Anna's Tod, kamen per Post wunderschöne #freitagsblumenfueranna von meiner lieben Julia an. Als ich Julia anrief und mich bei ihr bedankte, schaute ich aus dem Fenster und sah plötzlich einen Zitronenfalter. Zufall?

Als ich Anna's Mann nach der Trauerfeier beim verabschieden umarmte, sah ich einen Zitronenfalter.
Zufall?

Ich fuhr mit dem Auto auf einer Landstraße, hörte Musik, die mich an Anna erinnert und sah plötzlich von weitem etwas mitten auf der Landstraße (weit und breit nichts außer Weide) gemalt.
Jemand hatte einen riesengroßen Schmetterling auf die Fahrbahn gemalt.
Zufall?

Ich wollte gerade mit meinem Herzmenschen Julia spazieren gehen. Julia hat mir vor und nach Anna's Tod sehr sehr geholfen und war für mich da. Als wir los liefen, flog plötzlich ein Schmetterling um uns herum. Zufall?

Ich könnte Euch noch so einige merkwürdige
Situationen erzählen...
Ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, der an "übersinnliche Dinge" glaubt, ganz ehrlich nicht.
Doch diese Erfahrung mit dem Zitronenfalter lässt mich nun dennoch daran glauben, dass es da "irgendwas" geben muss.  
Vielleicht waren die Schmetterlinge auch schon vorher um mich herum, nur habe ich sie nie wahrgenommen. Durch Anna's Tod gehe ich jetzt vielleicht bewusster durch das Leben und sehe Dinge, die ich vorher nicht sehen konnte. 
Könnte auch sein.
Warum es so ist, ist eigentlich egal.
Ich bin zutiefst dankbar für jeden Schmetterling, den ich sehe. 
Es ist dann, als wäre es ein Gruß von Anna.







Kommentare:

  1. Meine liebe Sarah,
    du weißt ja wie viel mir die Schmetterlinge auch selbst bedeuten, seit dem Tod meiner Mama. Und ich bin so glücklich, dass auch Anna diesen Weg gewählt hat dir ein Zeichen zu schicken. Unsere Geschichte kann uns keiner nehmen und ich bin dankbar das sich unsere Wege gekreuzt haben. Auch wenn die Gründe dafür, so unfassbar weh tun. Ich hab dich lieb! <3 Drück dich, aus der Ferne. Und hoffentlich bald wieder in echt! :*

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  2. Liebe Sarah,
    diese Geschichte ist so zauberhaft bewegend! So traurig und so schön zugleich!
    Ich wünsche Dir und allen andren viel Kraft und daß ganz viel Schmetterlinge eure Wege kreuzen mögen!
    Gruß scrapkat

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  3. <3 Jeder hat so seine Schmetterlinge... Man braucht sie auch nicht erklären oder daran "glauben", das Wissen darum ist so viel stärker.
    Drück Dich!

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  4. Die Geschichte ist so schön obwohl sie ja so traurig ist...und seit du sie mir erzählt hattest denke ich immer wieder, verrückt, dass ich auf die eigentlich schon fertige Karte zu Anna's Tod an Dich dann noch Schmetterlinge drauf machte...so verrückt...und dadurch so toll. Freue mich, dass Anna Dir da nahe sein kann. Sei gedrückt.

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