Montag, 20. März 2017

Was es mit uns macht

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzten.

Ich selbst kann entscheiden, ob ich meine ganze Energie für Traurigkeit und Wut hergebe. 
Manchmal geht es einfach nicht anders, man wird überrollt und dann ist man traurig und wütend - 
doch vielleicht hilft es, den Blick bewusst auf das Positive zurichten. 


Das Ganze macht etwas mit uns allen. 
Auch Gutes.
In dieser so verletzlichen Situation sind wir alle, die ihr Nahe stehen, weiter zusammen gerückt. Man spürt mehr Liebe und mehr Zusammenhalt.  Wir sind alle füreinander da.
Viele ehrliche Gespräche haben stattgefunden und wir geben uns den Raum und die Zeit über unsere Gefühle zu reden. Wir sind nicht alleine. 


Schwierige Zeiten lassen uns Entschlossenheit und innere Stärke entwickeln.

Das Ganze hat etwas mit mir gemacht.
Es hat mir gezeigt, worauf es wirklich im Leben ankommt. 
Das ist Familie, Freunde, gemeinsame Erinnerungen, die zu wertvollen Schätzen werden, achtsamer sein, Ziele setzen und sie verfolgen und bei sich zu sein. 
Ich habe mich in der Vergangenheit oft mit Anderen verglichen, habe das gemacht, was man von mir verlangt oder erwartet hat. Mich oft verbogen, oft nichts gesagt.
Schluss damit. Es ist mein Leben und ich möchte es so leben, wie ich es für lebenswert halte. Ich kann über Meinungen anderer stehen, die mir nichts bedeuten.
Ich selbst, weiß was gut für mich ist.
Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass die Kombination aus einem großes Haus, ein dickes Auto, zwei Kinder, eine Halbtagsstelle, zwei bis drei Bastelpakete mit den neusten Kollektionen im Monat, große und luxuriöse Urlaube im Jahr und Shoppingtouren durch überfüllte Kaufhäuser gut und genau das Richtige für mich sind.
Wenn all diese Dinge Euch glücklich machen, dann freue ich mich für Euch. 
Mich machen andere Dinge glücklich.
Damit möchte ich mich keinesfalls in ein besseres Licht stellen oder behaupten, meine Dinge, die mich glücklich machen, sind besser. Niemals.
Macht das, was Euch glücklich macht. 
Glücklich sein ist das was zählt - nicht die Art und Weise, wie man es wird.  












Sonntag, 19. März 2017

Da sein.

Nach meinem Blogpost "Veränderung" haben sich viele Menschen bei mir gemeldet und mir liebe Worte geschrieben. Vielen Dank für Eure Anteilnahme.


Vor drei Jahren bekam mein Opa die Diagnose "Darmkrebs".
Als meine Oma mich anrief und es mir unter Weinen sagte, sackte ich zusammen.
Der Satz "es zog mir den Boden unter den Füßen weg" hatte nun eine Bedeutung für mich.
Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch.
Mein Opa. Mein Held. Meine Vaterfigur. Mein Vorbild. Mein Ein und Alles.
Ich konnte es nicht begreifen. Auch da fragte ich mich immer "Warum?"
Wenn ich zu Hause alleine war, konnte ich schwach sein. Ich konnte weinen - stundenlang. Nächtelang. Doch wenn ich bei ihm war, war ich stark. Stark für ihn.
Es gab einige Operationen und dann auch Komplikationen. Angst war mein ständiger Begleiter.
Seit dem Anruf von meiner Oma, war mein Leben nicht mehr so, wie vorher.
Die Unbeschwertheit war weg.
Nach vielen Tiefen und drei Jahre später, kann ich Euch schreiben, dass mein Opa am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Ihm geht es prächtig. Natürlich hat der Krebs Spuren hinterlassen :
Künstlichen Darmausgang, der Port (für die Chemotherapie) ist noch da, Narbe auf dem Bauch...
Doch vor ein paar Monaten bekam mein Opa die Nachricht, das der Tumor und auch die Metastasen auf der Leber nicht weiter gewachsen sind! Also braucht er erstmal keine Chemo und auch keine Bestrahlung. Ich kann kaum in Worte fassen, was das für ein schöner Moment war!
Schon vor drei Jahren habe ich gelernt, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die wertvoller sind, als all die materiellen Dinge.


Das war meine erste Begegnung mit dem Krebs.
Und leider sollte das nicht meine letzte gewesen sein.
Noch ein geliebter Mensch, gerade mal ein paar Jahre älter als ich, bekam vor zweieinhalb Jahren die Diagnose.
Ohnmacht machte sich breit. 
In den letzten zweieinhalb Jahren gab es so viele auf's und ab's. 
Das Monster schenkte Hoffnung und es nahm sie auch wieder. 
Was musste sie alles ertragen! Was mussten ihr Mann, ihre Familie und Freunde alles ertragen! 
Es hat ihr Leben und das der Menschen, die ihr nahe stehen, grundlegend verändert.
Krebs ist ein Monster.
Krebs ist unberechenbar.
Krebs ist grausam.
Vor fast sechs Jahren haben wir uns kennengelernt. Davor und auch danach habe ich nie mehr einen Menschen kennengelernt, der so Willenstark ist, wie sie!
Auch das Monster konnte ihr diese Willensstärke nicht nehmen.
Sie kämpft. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Tag.
Wir alle, die sie lieben, sind ihre Armee. Wir sind stark für sie und bereit alles, wirklich alles, bedingungslos für sie zu tun. In guten Zeiten waren wir für sie da und in schlechten Zeiten halten wir ihre Hand und versuchen ihr die Angst zunehmen. 
Leider können wir nicht mehr machen. Wir können ihr  den Schmerz nicht nehmen.
Und diese Erkenntnis nicht mehr für sie machen zu können, tut so weh.
Hilflos. 
Ich habe zwei Nächte bei ihr auf der Palliativstation verbracht. Die erste Nacht war so schön. Wir haben uns so viel unterhalten, waren offen und ehrlich zueinander. Wir haben uns den Sternenhimmel auf dem Balkon angeschaut. Wir haben gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Wir haben so viele schöne Sachen erlebt! All diese Erinnerungen sind goldwert für mich. Sie haben mehr wert für mich, als alle Dinge die ich besitze!
An diesem Abend habe ich versucht, mir alles und jede Kleinigkeit genau zu merken. Dieser Abend sollte eine weitere schöne Erinnerung in meiner Schatzkiste werden. 
Das wurde sie auch. Ich bin dankbar für diesen Abend.
Die zweite Nacht verlief leider anders. Sie hatte fürchterliche Schmerzen. Wir haben kein Auge zu gemacht. Oft musste die Nachtschwester kommen. Ich habe sie gefragt, ob ich irgendwas für sie machen kann. Die Nachtschwester sagte: "Nein, du kannst nur für sie da sein. Halte ihre Hand, wenn sie es möchte." Ich habe mich so ohnmächtig gefühlt. Zwischendurch wurde ich so wütend! Was sollte diese ganze Scheiße? Warum muss sie so etwas durchmachen? Ich war wütend auf diese Machtlosigkeit! Verdammt sauer auf dieses Monster!
Wir Menschen können auf den Mond fliegen, können Atomwaffen bauen und Leben klonen - aber wir können keinen Krebs besiegen? 
Ich verstehe es einfach nicht.

Sich generell mit dem Tod auseinanderzusetzen macht keiner von uns gerne. Ich empfinde es in der Gesellschaft als ein Tabuthema. In einer solchen Konsumgesellschaft, in der wir leben, wo höher, schneller, weiter an erster Stelle steht, passt so ein Thema einfach nicht rein. 
Doch irgendwann holt uns alle dieses Thema ein. Wir werden gezwungen einen Weg mit dem Tod zu finden.  Und jeder geht anders damit um. Ich habe in den letzten drei Jahren viele trauernde Menschen gesehen. Alle von ihnen haben Phasen der Wut, der Angst, der Traurigkeit und der Zuversicht  durchlebt. Ich auch. Und doch waren die Phasen bei jedem anders.
Menschen trauern zusehen, tut weh. Einander festhalten tut gut. Wir alle sind mehr miteinander verbunden. Wir halten zusammen. 
Wir alle werden einen geliebten Menschen verlieren. 
Es ist nur eine Frage der Zeit.
Und wenn es soweit ist, werden wir für sie da sein. 
Das ist das einzige, was wir für sie tun können.
Da sein.   










Samstag, 18. März 2017

Veränderung

So lange habe ich hier nichts mehr geschrieben.
Eine Zeit lang hatte ich wirklich keine Lust und ich hatte auch keine Idee, was ich schreiben sollte. 
Instagram ist um einiges einfacher : 
Schönes Foto aussuchen, zwei, drei Sätze dazu schreiben und ein paar Hashtags hinzufügen - fertig. Einfach und schnell.
Bei einem Blogpost habe ich immer das Gefühl, ich müsse mehr schreiben, mehr Fotos zeigen und zudem ist es zeitintensiver.
Die Zeit dafür hatte ich in den letzten Monaten einfach nicht. 
Natürlich hatte ich Zeit! Doch meine Zeit wollte ich dafür nicht hergeben.
Denn es passierte etwas in meinem Leben, dass mich verändert hat und diese Veränderung ist noch nicht abgeschlossen. Und das ist der Grund, weshalb ich hier nun wieder schreibe. Ich möchte diesen Blog nicht mehr ausschließlich für meine Bastelarbeiten nutzen - ich möchte Euch teilhaben lassen an meinen Gedanken, die mich täglich im Leben begleiten. Es wird persönlicher.
Dabei habe ich immer großen Wert darauf gelegt, nicht "so viel" über mich preiszugeben - und schon gar nicht, was meine Gefühlswelt angeht. 
Und jetzt - so kurios es ist - habe ich die Hoffnung, dass es mir helfen wird, wenn ich meine Gedanken teile. Die Zukunft wird zeigen, ob es wirklich geholfen hat...

Das Leben gibt einem manchmal Aufgaben, die für den ersten Augenblick nicht zu bewältigen sind. 
Man bekommt sie mit voller Wucht um die Ohren gehauen und dann stehst du da.
Hast Angst, bist wütend, bist traurig und dein Herz ist schwer wie Blei.
Jeder Atemzug tut weh, jeder Schritt ist schwer. Du kannst nicht schlafen und wenn du schläfst, dann träumst du davon. Morgens wachst du gerädert auf, dein Kopf pocht und trotzdem denkt er ununterbrochen an diese Aufgabe. Und so geht es lange. Tag für Tag. 
Und dann kommt irgendwann der Augenblick, wo man erkennt, das sich etwas verändern muss - die innere Haltung muss sich ändern, damit man die Aufgabe zumindest ein bisschen versteht und dann kann man versuchen, Stück für Stück sie abzuarbeiten. 
Ich weiß das diese Aufgabe prägend für mein Leben ist und ich werde mein Leben lang an dieser Aufgabe arbeiten. Ich kann mich davor nicht verstecken, ich kann die Augen davor nicht verschließen. Was ich aber machen kann, ist, sie anzunehmen. 
Denn dann hat diese Aufgabe nicht die Chance mich aufzufressen. 


"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht."
                                                                                  Vaclav Havel


Es tut wahnsinnig weh, wenn einem die Hoffnung genommen wird, dass es nie wieder gut wird. 
Hoffnung ist doch das, was uns antreibt. 
Und dann gibt es sie nicht mehr. 
Die Aufgabe hat - wenn überhaupt - nur den Sinn, dass ich meinen Blick auf das Leben verändert habe. Kleinigkeiten im Leben weiß ich viel mehr zu schätzen und ich habe begonnen, jeden Tag als ein Geschenk zu sehen. Ich versuche, mich nicht mehr über Dinge zu ärgern, die ich eh nicht ändern kann und ich habe angefangen mich mehr mit mir auseinanderzusetzten. 
Dazu demnächst wohl mehr.
Ansonsten hat diese Aufgaben absolut keinen Sinn für mich. Ein ständiges "Warum?" schwebt immer über diese Aufgabe. 

Ich werde einen geliebten Menschen verlieren. 

...jetzt habe ich es geschrieben. Und diesen Satz zu lesen, tut weh und raubt mir den Atem.
Aber ich kann meine Augen davor nicht verschließen. Es ist die harte Realität.

#krebsisteinriesenarschloch

Das alles hier zu schreiben, soll mir helfen mit meinem "Abschiednehmen" umzugehen. Ich möchte weder Mitleid, noch Aufmerksamkeit dafür bekommen. 
Ich möchte meine Gedanken "los werden", in der Hoffnung, das mein Herz ein wenig leichter dadurch wird. 
Vielleicht wird mein Herz dadurch nicht leichter und ich lasse das hier mit dem schreiben - aber zumindest habe ich es versucht. Machtlosigkeit ist derzeit ein großes Thema bei mir, deshalb möchte ich alles tun, was ich noch tun kann.

Ich möchte nicht der Spielball des Schicksals sein.

Trotz Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit bei manchen Dingen im Leben, dürfen wir niemals die schönen Dinge im Leben aus den Augen verlieren. 



Sarah